TEAM RYNKEBY 2026

Samstag, 4. Juli, 08:00 Uhr, offene Rennbahn Oerlikon. Um mich herum ziehen Menschen ihre gelben Trikots über, die uns die nächsten acht Tage kaum mehr verlassen sollten. Noch ist es kühl, rundherum werden die letzten Handgriffe gemacht, Velos kontrolliert und gelbe Trikots zurechtgezogen. Und trotzdem liegt bereits diese spezielle Unruhe in der Luft, die sich erst legt, wenn die Reise tatsächlich begonnen hat.

Natürlich war mir bewusst, was in den kommenden acht Tagen vor uns lag: über tausend Kilometer, mehr als 9'000 Höhenmeter und unzählige Stunden im Sattel. Eine Woche, die körperlich an die Substanz gehen würde. Doch der eigentliche Grund, weshalb ich an diesem Morgen hier stand, hatte wenig mit einer persönlichen Bestleistung zu tun. Wir fuhren für die Stiftung Kinderkrebsforschung Schweiz. Für Familien, deren Alltag sich von einem Tag auf den anderen verändert. Für Forschung, die auf genau solche Unterstützung angewiesen ist. Das Rennvelo war dabei nur das Mittel. Der eigentliche Grund war, gemeinsam etwas zu bewegen.

Kurz vor der Tour wurde ich gefragt, ob ich im Peloton-Team mitfahren möchte. Eine Aufgabe, über die ich mich sofort gefreut habe – deren Tragweite ich aber erst während der Reise wirklich verstanden habe. 52 Fahrerinnen und Fahrer, aufgeteilt auf drei Pelotons, dazu ein Dutzend Leute im Hintergrund, die dafür sorgten, dass wir uns überhaupt aufs Fahren konzentrieren konnten. Meine Rolle wechselte je nach Tag: vorne mitfahren, das Tempo gestalten, den Weg weisen. Oder hinten bleiben, andere unterstützen, bei Pannen helfen und darauf achten, dass wir als Team gemeinsam am Etappenziel ankamen. Vorne zu fahren klingt zunächst nach der angenehmeren Position. Ist sie manchmal auch – aber gleichzeitig ist es die anspruchsvollste. Dort gibt es keinen Windschatten, man spürt den Wind als Erste:r und muss jederzeit ein Gefühl dafür haben, welches Tempo für die gesamte Gruppe passt. Zu schnell, und die Gruppe reisst auseinander. Zu langsam, und der Rhythmus geht verloren. Dazu kommt die Verantwortung für den Weg: Ein falsch gewählter Abzweiger, und eine ganze Gruppe folgt einem blind. Wenn die Aufmerksamkeit einmal nachlässt, betrifft das nicht nur einen selbst. Körperlich ging es mir während der ganzen Woche erstaunlich gut. Mental war genau diese Verantwortung die grössere Aufgabe.

Als sich das Feld schliesslich in Bewegung setzte, war da kein grosser, dramatischer Moment. Eher ein leises, sehr klares Gefühl: Diesmal fahre ich am Ende des Tages nicht wieder nach Hause. Diesmal geht es nach Paris. Und genau an diesem ersten Morgen wusste ich, weshalb ich das überhaupt mache.

Ab Zürich verschwimmt die Reise für viele Aussenstehende schnell zu einer Aneinanderreihung von Ortsnamen. Für uns im Sattel war sie das Gegenteil. Von Zürich ging es zunächst Richtung Rhein, weiter ins Elsass und über den Col d'Oderen, vorbei an Nancy mit seinem imposanten Place Stanislas und entlang der Mosel bis nach Luxemburg. Anschliessend führte uns die Strecke durch Teile Belgiens und wieder zurück nach Frankreich – vorbei an der geschichtsträchtigen Gegend rund um Verdun und den endlosen Sonnenblumenfeldern der Champagne bis schliesslich hinein nach Fontainebleau und Paris. Fünf Länder, acht Etappen, 1'078 Kilometer und über 9'000 Höhenmeter. Zahlen, die auf dem Papier beeindrucken – während der Fahrt aber schnell in den Hintergrund rücken. Denn was hängen bleibt, ist selten der Kilometerstand.

Es sind die Gespräche im Peloton, die diese acht Tage tatsächlich ausmachen. Menschen, die sich zuvor kaum kannten, verbrachten plötzlich ganze Tage nebeneinander oder hintereinander im Windschatten. Nach einigen Etappen wusste man teilweise nicht mehr genau, wie jemand in Alltagskleidung aussieht – dafür erkannte man die Person problemlos an der Silhouette, dem Fahrstil oder den Waden. Man lernt sich nicht beim Kaffee kennen, sondern bei zwanzig Stundenkilometern und Gegenwind. Eine ziemlich ehrliche Form des Kennenlernens. Mit jedem Tag entwickelte sich ein eigener Rhythmus – Frühstück, Trikot, Velo, Strasse – und trotzdem war keine Etappe der anderen gleich. Mal fuhren wir stundenlang durch Wälder und an Flusskanälen entlang, mal durch kleine Dörfer, in denen uns Leute spontan zuwinkten. Mal war die grösste Herausforderung ein Anstieg, mal einfach nur die Zeit im Sattel. Und irgendwo dazwischen wurde aus einer Gruppe von Einzelpersonen langsam ein Team. Nicht an einem bestimmten Tag. Eher schleichend, Etappe für Etappe.

Der siebte Tag
Nicht jede Etappe lässt sich gleich gut erzählen. Manche waren einfach schön. Der siebte Tag war anders. 42 Grad zeigte das Thermometer am Nachmittag, der Asphalt gab die Hitze fast so stark zurück, wie er sie aufgenommen hatte, und die Euphorie der ersten Tage war einer spürbaren Müdigkeit gewichen. Es war kein Kampf gegen die Strecke. Es war ein Kampf gegen den eigenen Kopf und gegen den der anderen.

Genau an diesem Tag zeigte sich, was die Rolle im Peloton-Team eigentlich bedeutet. Es reichte nicht, selbst weiterzufahren. Es ging darum, die Stimmung in der Gruppe zu halten, wenn sie zu kippen drohte. Jeden Einzelnen zu motivieren, während man gleichzeitig selbst nach Reserven suchte. Kein Moment für grosse Worte, eher für kleine Gesten – ein aufmunterndes Wort, ein etwas härteres Stück Führungsarbeit an der Spitze, damit der Rest des Feldes im Windschatten etwas Ruhe fand. Diesen Tag habe ich nicht wegen der Hitze in Erinnerung, sondern wegen dem, was er von einem verlangt hat, wenn man nicht nur für sich selbst unterwegs ist.

Erstaunlich war dabei etwas anderes: Nach acht Tagen und über tausend Kilometern hatte ich keinen einzigen eigenen Platten. Bei den verschiedenen technischen Problemen im Team – ein gerissenes Bremskabel hier, ein Platten dort – blieb ich verschont. Nichts, was sich nicht beheben liess, aber genug, um nochmals zu erkennen, wie wichtig ein zuverlässiges Service-Team ist. Während wir Fahrerinnen und Fahrer uns jeden Tag auf die nächste Etappe konzentrieren konnten, sorgten sie im Hintergrund dafür, dass niemand lange stehen blieb und es uns an nichts fehlte.

Wie viel Arbeit hinter dieser Unterstützung steckt, zeigen auch die Zahlen abseits der Strasse: Rund 1'500 Liter Wasser, 320 Liter Sport- und Süssgetränke, 500 Eier, 20 Kuchen und etwa 20 Kilogramm Isostar wurden benötigt, damit wir über die gesamte Woche genügend Energie für die täglichen Herausforderungen hatten. Erst wenn man solche Zahlen sieht, wird einem bewusst, wie viel Planung, Organisation, Herzblut und Einsatz hinter einer solchen Tour stehen. Ohne das Service-Team wäre diese Reise in dieser Form nicht möglich gewesen – DANKE!

Innerhalb des Teams wurde ich irgendwann nicht mehr bei meinem Namen gerufen. Als einzige Person aus Uri im ganzen Feld wurde ich schlicht «Uri». Ein bisschen wie bei «Haus des Geldes», nur dass mein Deckname deutlich weniger geheimnisvoll war und dafür umso näher an meiner Heimat. Genau diese kleine Eigenheit hat mir gezeigt, wie wertvoll die Unterstützung von zu Hause während dieser Woche war. Man ist zwar meilenweit unterwegs, aber Uri sass in gewisser Weise die ganze Zeit mit im Peloton.

Die letzte gelbe Wand
Die Schlussetappe nach Paris sollte eigentlich einfach der krönende Abschluss werden. Stattdessen hatte sie nochmals eine eigene Geschichte parat. Bei Fontainebleau gerieten wir unerwartet in die Nähe eines Waldbrandes, mussten kurzfristig umdisponieren und einen Umweg fahren. Die Folge: Wir waren das letzte der Rynkeby-Teams, das an diesem Tag ins Ziel kam. Kein Beinbruch – eher ein passender letzter Twist einer Woche, in der sowieso selten alles nach Plan verlief.

Und dann war da plötzlich Paris. Die letzten Kilometer führten durch die Stadt, vorbei am Eiffelturm, rund um den Arc de Triomphe, über die Champs-Élysées, wo auf dem Place de la Concorde bereits die Bühne für die Tour de France stand. In eine geschlossene, gelbe Wand aus Trikots zu fahren und dabei von Kuhglocken begrüsst zu werden, ist ein Bild, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Am Ziel im Vélodrome Jacques-Anquetil, einem der ältesten Radstadien überhaupt, warteten bereits alle anderen Teams. Dazu meine Familie und Freunde. Die letzte Etappe hinein nach Paris war für sich genommen schon reiner Stress – Rotlichter, Tourist:innen, andere Rynkeby-Teams, Verkehr, wechselnde Strassenverhältnisse, alles gleichzeitig. Umso grösser war die Erleichterung, als klar wurde: Wir sind angekommen. Alle. Gesund.

Der Moment, der mir am längsten bleiben wird, kam kurz danach. Auf einer grossen Leinwand im Velodrome erschien die aktuelle Spendensumme von Team Rynkeby, europaweit: über 9,2 Millionen Euro. Ein Zwischenstand, kein Schlusspunkt – und trotzdem ein Moment, der einem für einen Augenblick die Gänsehaut über den Rücken jagte. Eine Zahl, die auf den ersten Blick beeindruckt – ihre eigentliche Bedeutung wird aber erst sichtbar, wenn man versteht, was dahintersteht: Kinder, die bessere Chancen verdienen und einen Kampf führen, den sie sich nie ausgesucht haben. Familien, die auf Fortschritte in der Forschung und neue Behandlungsmöglichkeiten hoffen. Und tausende Menschen quer durch Europa, die mit ihrer Unterstützung gezeigt haben, dass viele kleine Beiträge gemeinsam etwas Grosses bewirken können. Genau in diesem Moment wurde nochmals klar, weshalb wir acht Tage lang auf dem Rennvelo unterwegs gewesen waren. Nicht wegen der Kilometer. Nicht wegen der Höhenmeter. Sondern wegen dem, was dahintersteht.

Nach acht Tagen im Sattel fühlte sich mein Körper überraschend gut an. Ein bisschen müde vielleicht, was nicht nur an den Kilometern lag – bei einer Woche mit so vielen neuen, tollen Menschen bleibt es nicht bei früh ins Bett gehen. Aber das gehört zu einer solchen Reise genauso dazu wie die Höhenmeter und Gummibärchen um 08:30 Uhr.

Was am Ende bleibt, sind ohnehin nicht die über tausend Kilometer oder die Höhenmeter, die sich Tag für Tag summierten. Es bleiben die Gesichter. Die Gespräche im Peloton. Die Verantwortung, die man plötzlich für eine ganze Gruppe mitträgt, und das Vertrauen, das einem dabei entgegengebracht wird. Es bleibt das Gefühl, in einer Woche mehr neue, ehrliche Freundschaften geschlossen zu haben, als man erwarten würde, wenn man sich eigentlich nur zum gemeinsamen Velofahren trifft. Nach nur einer Saison fühlt sich Team Rynkeby für mich bereits wie eine zweite Familie an – weshalb ich mich für die kommende Saison schon wieder beworben habe.

Was mir während dieser Woche besonders bewusst wurde: wie viel die Unterstützung aus der Heimat wert ist, wenn man als einzige Person aus dem eigenen Kanton unterwegs ist. Jede Nachricht, jede Spende, jedes Zeichen von zu Hause hat mich diese acht Tage begleitet – dafür an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an alle, die diese Reise mitgetragen haben. Man merkt es nicht auf jedem Kilometer. Aber man merkt es genau dann, wenn man es am meisten braucht.

Und vielleicht noch eine kleine Erkenntnis zum Schluss: Acht Tage lang war Gelb nicht einfach nur eine Farbe. Es war unser Trikot, unser Velo, unser gemeinsames Zeichen und irgendwie auch ein Teil unserer Identität. Trotzdem glaube ich, dass ich nach dieser Woche vorerst eine kleine Pause von Gelb gebrauchen kann. Zumindest bis das nächste Team-Rynkeby-Trikot wieder bereitliegt. Manche Reisen enden nicht mit der Ankunft am Ziel. Manche beginnen dort erst richtig.

Wer diese Reise und den dahinterstehenden Zweck noch unterstützen möchte, hat weiterhin die Möglichkeit, einen Beitrag für die Kinderkrebsforschung Schweiz zu leisten: https://donate.raisenow.io/vjkgr?lng=de