ZWISCHEN PFLASTERSTEINEN, PASTA UND DEN EMOTIONEN DES SPORTS

Es gibt Wochenenden, die beginnen unspektakulär und werden dann zu wertvollen Kapiteln im eigenen Tagebuch. Meines startete auf der Rolle, früh am Freitagmorgen, weil Taupō näher rückt und mein Trainingsplan eigentlich keinen Mailand Abstecher vorsah. Also noch schnell die Pflichtkilometer erledigt, bevor wir losfuhren – raus aus der grauen Zentralschweiz, hinein in einen Tag, der mit jedem Kilometer Richtung Süden farbiger wurde. Je näher Mailand kam, desto stärker schien jemand den Sättigungsregler hochzudrehen.

Mailand empfing uns mit Sonne und einer Leichtigkeit, die man sonst eher im Frühling spürt und nicht Ende Februar. Und doch war da etwas anders als üblich: In einer Stadt, in der selbst der Weg zum Supermarkt wie ein kleiner Fashion‑Moment wirkt und Trainerhosen normalerweise nur im Gym gesichtet werden, liefen plötzlich vermehrt Menschen in genau diesen durch die Strassen. Es war, als hätte Mailand für mehrere Tage die Hochglanzfassade abgelegt und sich in eine sportliche Version seiner selbst verwandelt.

Obwohl die olympischen Veranstaltungen sich bereits dem Ende zuneigten, schwebte noch dieser besondere Nachklang in der Luft – nicht laut, nicht offensichtlich, sondern wie ein feiner Restglanz, der sich hält, wenn etwas Grosses gerade vorbeigezogen ist. Man musste ihn nicht suchen; man bemerkte ihn zwischen den Gesprächen, in den bunten Olympia-Sponsor‑Containern, in den Menschenmengen, die eine Spur aufgeregter wirkten als sonst. Es fühlte sich an, als würde ganz Mailand noch einmal tief Luft holen, als stünde irgendwo ein unsichtbarer Startschuss kurz bevor.

Mein Startschuss fiel erst am nächsten Tag – also holten wir die Startnummer ab, gönnten uns ein Glace in der Nachmittagssonne und liessen uns durch Gassen treiben, die aussahen, als hätten sie schon unzählige Läuferinnen und Läufer auf ihren Wegen begleitet. Später am Abend stand dann das inoffizielle Pflichtprogramm an, dieses heimliche Wohlfühl‑Ritual vor jedem Laufevent: Pasta und Tiramisu. Nichts Aussergewöhnliches, aber genau das, was mir vor einem Rennen guttut. «Eat pasta, run fasta» oder?

Ein Start, der sich anders anfühlt

Raceday. Und trotzdem: kein Wecker um 5, kein gehetztes Frühstück, kein müder Blick auf die Uhr. Start erst um 10:30 Uhr. Ein fast dekadenter Luxus für ein Laufwochenende. Ich sass beim Frühstück, als wäre dieser Tag nicht für mich gemacht, sondern würde sich langsam an mich heranschieben.

Im Startbereich reihte ich mich weit vorne ein – nicht aus übertriebenem Selbstvertrauen, sondern weil der «Salomon New Shapers Run» keine Pace-Zonen hatte und ich Slalomlaufen durch Menschenmengen ungefähr so gut kann wie durch Slalomstangen auf Schnee. Wenn ich mich so geschmeidig bewegen würde wie Wendy Holdener, hätte ich mich entspannt weiter hinten platziert. Habe ich aber nicht. Also: freie Bahn, weniger Hindernisse, mehr Ruhe. Der Startschuss fiel, und die Masse setzte sich in Bewegung. Doch schon nach wenigen hundert Metern zeigte sich, wie tückisch das Mailänder Pflaster sein kann: Die ersten Läufer:innen gingen zu Boden, ausgetrickst von unregelmässigen, teilweise richtig hinterlistigen jahrhundertalten Steinen. Ich schwöre, dieses Pflaster hat Charakter – allerdings nicht immer den freundlichen. Für einen Moment erinnerte es an diese bitteren Olympia-Momente, wenn Athlet:innen wegen einer winzigen Unstimmigkeit plötzlich ein DNF im Protokoll stehen haben. Drama, das niemand auf der persönlichen To-do-Liste stehen hat. Also nahm ich sofort Tempo raus. Kein Risiko, kein Übermut. Heute war kein Tag für Heldentaten, sondern einer zum Geniessen und vor allem einer, an dem ich meinem Knie und dem bevorstehenden Ironman keinen zusätzlichen Stress zumuten wollte.

Die Strecke führte durch unterschiedliche Teile der Stadt – Sonne im Gesicht, leichte Schritte, dieses Gefühl, eher zu gleiten als zu rennen, selbst über die Mailänder Pflastersteine hinweg. Zuschauer standen nicht überall, doch wer schon einmal in Italien gelaufen ist, weiss: Für Stimmung braucht es dort kein grosses Publikum. Ein einzelner Italiener im Rennfeld oder am Strassenrand reicht völlig – klatschen, rufen, anfeuern, als wäre er ein kompletter Fanclub in Person. Und dann war da mein Knie. Dieses Knie, das in den Tagen zuvor regelmässig seine eigene Meinung zur bevorstehenden Saison kundgetan hatte. Ein kleiner «Lindsey‑Vonn‑Moment» im Vorfeld: Wer weiss, was Knie im Sport aushalten müssen, entwickelt Respekt, wenn sie an wichtigen Tagen einfach funktionieren. Zum Glück tat genau das meines – zehn Kilometer ohne nennenswerte Allüren. Stabil, ruhig, Schritt für Schritt. Vielleicht auch, weil ich bewusst etwas Tempo rausnahm. Ich atmete auf, irgendwo zwischen Erleichterung und Dankbarkeit. Und plötzlich war der Lauf vorbei. Nicht dramatisch, nicht heldenhaft, aber sauber. Solide. Gut. Und manchmal ist genau das genug. Zumal das Highlight des Tages erst noch kommen sollte.

Schnell laufen – nur eben auf Eis

Nach dem Duschen ging’s weiter zur Speed-Skating-Arena – dorthin, wo Amerikaner, Norweger und gefühlt die halbe Welt zusammenströmten. Olympische Spiele fühlen sich live anders an: dichter, vibrierender, beinahe körperlich spürbar. Wir landeten mitten zwischen belgischen, niederländischen und kanadischen Fans. Diese Menschen leben Eisschnelllauf: Fahnen, Stolz, Emotionen. Und ich mittendrin mit meiner Schweizer Fahne – wesentlich dezenter, aber immer griffbereit, wenn’s drauf ankam, schliesslich waren wir auch hier mit einem Athleten und zwei Athletinnen vertreten.

Die Rennen waren intensiv. Die Athlet:innen jagten mit rund 50 bis 60 km/h über das Eis – ein Tempo, das man nicht nur sieht, sondern förmlich spürt, wenn das Feld vorbeizieht. Jede Runde war weniger ein Kraftakt als ein taktisches Manöver im Hochtempo: Position halten, Lücke suchen, Windschatten nutzen, Attacken lesen. Für die Schweiz reichte es zwar nicht fürs Podium, doch für mich war es das unmittelbare Erleben und Anfeuern, das zählte – kein Bildschirm, keine Distanz, nur Mensch, Leidenschaft und dieser kollektive Atem, der sich durch die Halle zog. Besonders beeindruckt hat mich ein Moment im Massenstart der Frauen: Eine Athletin stürzte, verlor das Feld und stand sofort wieder auf. Die Halle reagierte wie ein einziger Impuls. Menschen aller Nationen feuerten sie an, lauter mit jedem Schritt, bis sie den Anschluss wieder fand. Kein Medaillenglanz, aber ein Augenblick, der zeigt, weshalb Sport berührt.

Am Abend gab es Pizza – Kohlenhydrate, die nach einem Sporttag doppelt so gut schmecken – und natürlich Tiramisu. Ein unkomplizierter Abschluss für einen Tag, der alles andere als gewöhnlich war.


Heimwärts, aber mit etwas Besonderem im Gepäck

Mailand verabschiedete sich mit Sonne, Wärme und einem Hauch Frühsommer. Auf der Rückfahrt wurde mir bewusst, dass dieses Wochenende mehr war als ein Zehner und ein wenig Olympia-Atmosphäre. Es war eine Erinnerung daran, warum tausende an einem random Samstag die Laufschuhe schnüren und gemeinsam laufen. Weil Sport verbindet – über Nationen, Leistungsniveaus, Sprachen hinweg. Weil wir alle dieses wunderbare Bedürfnis teilen, uns zu bewegen, Teil von etwas Gemeinsamen zu sein und immer wieder zu staunen, wozu wir alle fähig sind.

In der Speed-Skating-Arena lag die Spannung am Samstag förmlich in der Luft: Fans, die um die Wette jubelten und jeden Moment mit den Athlet:innen mitfieberten. Jene, die für wenige Minuten im Rampenlicht stehen – für genau das, worauf sie ein Leben lang hingearbeitet haben. Am Ende bleibt nicht die Zeit, nicht die Platzierung, nicht die perfekte Linie über Pflaster oder Eis, auch wenn Edelmetall natürlich der fairste und langersehnte Lohn für all die Trainingsstunden wäre. Es bleibt dieses Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die Grossartiges schafft und berührt – jede und jeder auf ganz eigene Weise. Und genau das hat mir Mailand an diesem Wochenende gezeigt.