
An der Talstation in Beckenried die Startunterlagen abgeholt und gleich dazu die Medaille in die Hand gedrückt bekommen. Aus Holz, notabene, wenig ansprechend gestaltet, und das noch bevor überhaupt ein Schritt der Strecke gelaufen war. Wofür genau, fragte ich mich, für die blosse Anwesenheit? Wenn schon eine Medaille, dann hätte ich mir dafür zumindest den richtigen Zeitpunkt gewünscht.
Für mich ist der Klewenalp-Trail klar ein C-Rennen: Bald steht der IRONMAN 70.3 in Belgrad an – darauf liegt der eigentliche Fokus im Training. Trailrunning ist nicht meine Paradedisziplin, spezifisch vorbereitet habe ich mich entsprechend nicht: weder Muskulatur noch Technik sind auf Trails ausgelegt, ein Tapering gab es auch keines. Angetreten bin ich vor allem aus Spass und aus einer gewissen Vertrautheit heraus. Die Klewenalp kenne ich schon aus Kindertagen, von Uri aus schnell erreichbar. Den Blick auf den Vierwaldstättersee und die umliegenden Gipfel habe ich schon damals zu schätzen gewusst. Als Läuferin fühle ich mich hier trotzdem alles andere als zu Hause.
Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite – für manche ziemlich sicher zu heiss, ich selbst kam aber gut zurecht. Die Hitze hatte an diesem Wochenende sogar ganz reale Konsequenzen: Weil es den umliegenden Bauern schlicht an Wasser fehlte, konnte der Verpflegungsposten auf der Alp Bolgen nicht wie geplant beliefert werden – betroffen war die T43-Kategorie, nicht die, in der ich selbst am Start stand. Das Organisationskomitee rief die Läuferinnen und Läufer dort zur Eigenverantwortung auf und empfahl, mindestens 0,75 Liter Wasser selbst im Rucksack mitzuführen. Ein kleines, aber eindrückliches Zeichen dafür, wie unmittelbar ein solcher Bergsommer nicht nur den Wettkampf, sondern auch das Leben der Landwirtschaft rundherum prägt.
Beckenried selbst, das Dorf am Fuss der Bahn, wirkt an diesem Morgen beschaulich: ein paar Startnummern zwischen den Häusern, aber nichts von der Betriebsamkeit, die man von grossen Stadtläufen kennt – ein eigener, ruhigerer Rhythmus, der durchaus seinen Charme hat. Mit der Bahn geht es hinauf zur Bergstation, gerade rechtzeitig, um noch den Start der T31-Kategorie mitzuerleben. Die Stimmung dort: verhalten, um nicht zu sagen praktisch nicht vorhanden. Keine Musik, keine Ansage, die einen mitreisst – nur der Startschuss, der dafür umso lauter durch die Bergstation hallt. Schade, ausgerechnet an einem Ort mit einer derart eindrücklichen Kulisse.



Um 10.10 Uhr ist dann meine Kategorie an der Reihe, der T11 – 11 Kilometer, 639 Höhenmeter, ein Loop direkt ab der Bergstation. Anders, als ich es sonst gewohnt bin, wo man sich locker eine halbe Stunde vor dem Start schon in Position bringt, betreten wir die Startbox erst eine Minute vorher und sind da bei Weitem nicht die Einzigen.
Grosse Erfahrung im Trailrunning habe ich praktisch keine, entsprechend schwer fällt mir eine fundierte Einschätzung der Strecke. Was ich aber sagen kann: Sie ist schön und abwechslungsreich, führt zunächst über die Stockhütte, mal auf schmalen Singletrails durch Alpweiden, mal über steinigen Untergrund, immer wieder mit Kuhglocken irgendwo im Hintergrund. Mal geht es hoch, mal wieder runter. Die Anstiege sind mir dabei deutlich lieber – bei den Abfahrten fehlt mir schlicht die Technik, und das merke ich schnell. Bei einer steilen, steinigen Passage kurz nach der Stockhütte ziehen andere elegant an mir vorbei, während ich mich eher vorsichtig Schritt für Schritt vortaste. Kein Grund zur Frustration, eher ein ehrliches Eingeständnis: Diese Disziplin hat ihre eigene Sprache, die ich schlicht noch nicht spreche. Stöcke habe ich keine dabei – vielleicht auch das ein Grund, weshalb mir die Abfahrten spürbar schwerer fallen als der Aufstieg. Der Aufstieg zum Brisenhaus hat es dafür nochmals richtig in sich, wird aber mit einem Panorama belohnt, das die Anstrengung locker aufwiegt: der See tief unten, die Bergketten ringsum, für einen Moment vergisst man glatt, wie sehr die Waden gerade brennen. Die melden sich, allen voran, bereits nach zwei Kilometern deutlich – eine andere Belastung, an die meine Muskulatur schlicht nicht gewöhnt ist. Konditionell dagegen keine Probleme.
Ziel ohne Fanfare
Am Ende reicht es in meiner Kategorie für einen Platz unter den Top Ten. Im Ziel dann dieselbe Flaute wie schon beim Start der T31 – auch hier keine Musik, keine spürbare Energie, die einen über die letzten Meter trägt. Vielleicht gehört das auch einfach zur Trailrunning-Kultur, die insgesamt bescheidener und weniger inszeniert daherkommt als das grosse Stadtlauf-Spektakel, an das ich mich gewöhnt habe. Trotzdem hätte ich mir für ein Rennen mit dieser Kulisse ein bisschen mehr Rahmen gewünscht. Generell wirkt die Organisation an diesem Tag nicht ganz ausgereift, was wohl auch daran liegt, dass es erst die zweite Austragung dieses Anlasses ist.
Dem Triathlon bleibe ich treu, Trailrunning schiebe ich vorerst aufs Abstellgleis. Der Klewenalp-Trail war trotzdem eine gute Erfahrung. Ein Ausflug abseits der gewohnten Bahnen mit einem Panorama, das für sich schon den Umweg wert war, und ein Stück Kindheit, das sich für einen Vormittag wieder ganz nah angefühlt hat. Wiederholen werde ich das in absehbarer Zeit trotzdem eher nicht, aber bereuen tue ich diesen Ausflug ganz sicher nicht.