
Alghero empfängt uns schon Tage vor dem Rennen mit dieser Mischung aus Gelassenheit und Herzlichkeit, für die Sardinien bekannt ist. Schmale Gassen in der Altstadt, Fischerboote im Hafen, Strände, die sich endlos an der Küste entlangzuziehen scheinen und überall Menschen, die einen mit einem Lächeln grüssen, auch wenn man kein Wort Italienisch spricht. Pasta, so viel der Teller hergibt, an einem kleinen Tisch mit Blick auf die Bucht, während sich die Stadt langsam auf die Ankunft von fast dreitausend Athletinnen und Athleten aus aller Welt vorbereitet.
Der Schwimmstart zieht sich in die Länge. Ich stehe im Neopren in der Sonne, das San-Giovanni-Ufer im Rücken, die Altstadtmauern von Alghero irgendwo hinter mir und merke, wie die Wärme langsam unangenehm durch den Neopren kriecht. Nervös bin ich nicht. Eher ungeduldig. Ich will einfach wissen, was heute möglich ist. Dann, mitten in der Warterei, ertönt über die Lautsprecher die italienische Nationalhymne. Um mich herum fangen die italienischen Athleten im Startbereich an, lauthals mitzusingen – nicht zurückhaltend, sondern mit voller Brust, fast andächtig. Gänsehaut, mitten im warmen Neopren, noch bevor überhaupt ein Meter geschwommen ist.
Alghero trägt an diesem Sonntag die erste Austragung eines IRONMAN 70.3 – fast 2'900 Athletinnen und Athleten aus der ganzen Welt, mehr als die Hälfte davon aus dem Ausland, alle versammelt an diesem einen Küstenabschnitt, den man hier die Riviera del Corallo nennt. Kristallklares Wasser, gut 21 Grad warm, weisse Kalksteinklippen im Hintergrund, mit Blick auf eine Stadt, die selbst noch nicht ganz weiss, wie sie sich als IRONMAN-Schauplatz anfühlt. Für mich ist es nicht nur das Debüt dieses Rennens. Es ist auch mein erster Wettkampf im offenen Meer.
Als das Feld endlich freigegeben wird, ziehe ich die ersten fünfzehn Sekunden ein hartes Tempo – so wie es mein Coach vorgeschlagen hatte – und lande, statt im erwarteten Chaos, in einem erstaunlich guten Gefühl. Das Salzwasser trägt anders, leichter, fast wohlwollend. Sich an jemandem dranzuhängen ist trotzdem schwieriger als gedacht: Jeder Kick wirbelt Schaum auf, die Sicht wird fast milchig, ganz anders, als ich es aus dem Süsswasser kenne. Ich probiere es trotzdem mehrmals, mit mässigem Erfolg, komme aber gut voran, ohne mich zu übernehmen. Der Blick auf die Uhr bei T1 bestätigt das Gefühl: 37 Minuten. Für mein erstes Freiwasserrennen im Meer ein Ergebnis, mit dem ich mehr als zufrieden bin.
In der Wechselzone lasse ich mir bewusst Zeit, keine Hektik – das kostet zwar ein paar Sekunden, aber genau das ist mir in diesem Moment egal. Auf dem Bike nehme ich die ersten fünfzehn Minuten bewusst locker. Die Beine fühlen sich frisch an, keine Spur von Müdigkeit. Also entscheide ich mich für ein Tempo, das fordert, ohne zu überfordern. Ohne Wattmessung orientiere ich mich schlicht an Kilometern pro Stunde und daran, wie sich der Körper anfühlt – manchmal ist das ehrlicher als jede Zahl auf dem Display.
Die Strecke führt durch den Naturpark von Porto Conte, vorbei an Capo Caccia, jenem schroffen Kliff, das dieser Küste ihren Charakter gibt, vorbei an Pinienwäldern, niedrigem Macchia-Gestrüpp und immer wieder diesem tiefblauen Meer, das zwischen den Hügeln hindurchblitzt. Genau an den Anstiegen, dort wo die Strasse hinauf zu Capo Caccia führt, mache ich mehrere Plätze gut. Auf den Geraden gebe ich sie wieder her – ein Rennrad ohne Triathlonlenker hat auf flachen, schnellen Abschnitten einfach das Nachsehen gegenüber allem, was aerodynamisch gebaut ist. Ein Triathlonrad wäre vermutlich die nächste sinnvolle Anschaffung.



Bei einem Drittel der Radstrecke
Nach ziemlich genau einer Stunde beginnt es: ein stechender Schmerz im Unterleib, anders als jeder Magenkrampf, den ich kenne. Zu neunzig Prozent bin ich mir sicher, dass das eher mit meinem Zyklus zu tun hat als mit meiner Fueling-Strategie – aber anhalten und sichergehen ist auf einer Radstrecke bei Kilometer 30 für mich keine Option. Ab diesem Moment funktioniert auch mein Fueling-Plan nicht mehr – einerseits, weil die Schmerzen zu stark sind, um mich noch aufs Trinken zu konzentrieren, andererseits, weil ich nicht ausschliessen kann, dass es am Ende doch am Fueling liegt. Ich weiss es in diesem Moment schlicht nicht. Dazu kommt eine Strasse voller Schlaglöcher und schlechtem Belag, die ohnehin schon wenig Raum für Komfort liess. Trotzdem: kein spürbarer Leistungseinbruch. Nur ein Rennen, das plötzlich weniger nach Plan und mehr nach Improvisation verlangt.
Bei T2 wieder ein zufriedener Blick auf die Uhr, trotz allem. Und die leise Hoffnung, den Halbmarathon einigermassen schmerzfrei – und mit ein bisschen Genuss – hinter mich zu bringen. Die Laufstrecke führt am Meer entlang, vorbei am Hafen von Alghero und mehrmals mitten durch die Gassen der Altstadt – Wäscheleinen über den Köpfen, warme Steinfassaden, die die Nachmittagshitze zurückwerfen, und immer wieder Menschen, die uns lautstark anfeuern. Auch hier lässt sich die Fueling-Strategie nicht wie geplant umsetzen. Gleich zu Beginn nehme ich ein Gel mit 30 Gramm Kohlenhydraten, halte bei jeder Verpflegungsstation im Gehtempo an und trinke, so viel ich kann. Salz nehme ich während des gesamten Rennens keines zu mir – im Nachhinein vielleicht ein Fehler, aber in diesem Moment schlicht kein Gedanke, der Raum hatte. Was mir durch diese Kilometer hilft, sind die Einheimischen am Streckenrand: lautes «Forza, forza!», spontanes Klatschen, Kinder, die die Hände zum Abklatschen hinstrecken. Ab Kilometer zwei kommen extreme Schmerzen in den Füssen dazu, während der Rest des Körpers einwandfrei mitspielt. Frustrierend, weil ich spüre, dass eigentlich mehr drin läge – die Füsse und der nach wie vor spürbare Unterleib lenken einfach zu viel Aufmerksamkeit ab. Vermutlich sind es die Velo-Schuhe, die hier schon mitverantwortlich sind; das Problem deutete sich teilweise bereits auf dem Rennrad an. Auch das: ein Punkt für die nächste Ausrüstungsliste.
Die letzten 700 Meter
Ich halte mich an das, was vereinbart war: locker rein, die letzten zehn Kilometer schneller. Die 21 Kilometer ziehe ich trotz allem ziemlich konstant und überraschend entspannt durch. Nach einer Cola auf den letzten Kilometern schalte ich für die abschliessenden 700 Meter nochmals in den Vollsprint und komme so ins Ziel von Alghero, zwischen Meer und Altstadtmauern an der Promenade, genau dort, wo der Tag Stunden zuvor mit einem verzögerten Startschuss und der italienischen Nationalhymne begonnen hatte.
Mein zweiter 70.3, insgesamt mein vierter IRONMAN-Event – und einer, der zeigt, dass ein gutes Ergebnis selten bedeutet, dass alles nach Plan läuft. Das Training hat sich ausbezahlt, das Tapering hat gepasst, und der Rest war schlicht: mit dem zu arbeiten, was der Tag bereithält. Genau darin lag an diesem Sonntag in Sardinien die eigentliche Leistung. Alghero selbst hätte an diesem Wochenende so viel mehr zu bieten gehabt als eine Wechselzone und ein paar Verpflegungsstationen – die Neptunsgrotten, die weissen Strände von Maria Pia, die Gassen der Altstadt, durch die man eigentlich viel langsamer schlendern sollte, als ich sie an diesem Sonntag durchlief. Diese Küste hat mehr verdient als einen einzigen Renntag – ich komme wieder.