
Startblock D, BERNEXPO-Gelände beim Guisanplatz, kurz vor dem Startschuss. Ich stehe zwischen Hunderten anderen und frage mich kurz, wie ich eigentlich in diesen Block gerutscht bin – offenbar habe ich mir bei der Anmeldung, die gefühlt eine Ewigkeit zurückliegt, eine Zielzeit zugetraut, an die ich mich selbst nicht mehr erinnere. Vermutlich etwas schneller als im Vorjahr. Ein bisschen übertrieben weit vorne kommt mir das jetzt trotzdem vor.
Im eigenen Saisonkalender gehört der GP Bern zu den C-Rennen – kein Saisonhöhepunkt, eher ein Training unter Wettkampfbedingungen. Zum dritten Mal stehe ich hier an der Startlinie, mit dem Wunsch, meine persönliche Bestzeit zu verbessern, diesmal aber vor allem mit einem anderen Ziel: die Stadt und das Rennen tatsächlich zu geniessen. Bei Wettkämpfen entwickle ich sonst gerne einen Tunnelblick und vergesse dabei, mich überhaupt umzuschauen. Auch wenn ein Rennen keine Sightseeing-Tour ist – ein bisschen wahrzunehmen, wo man sich gerade befindet, wäre trotzdem schön.
Die Startnummer hole ich erst am Renntag ab. Mit dem Zug geht es nach Bern, vor Ort gönnen wir uns einen Teller Pasta, dann die letzten Vorbereitungen fürs Rennen. Der 44. Grand-Prix von Bern zählt dieses Jahr wieder gegen 35'000 Angemeldete – der grösste Volkslauf der Deutschschweiz, und das spürt man in der ganzen Stadt. Auf dem Programm stehen die klassischen 10 Meilen, 16,093 Kilometer, «die schönsten 10 Meilen der Welt», wie man hier nicht ganz ohne Stolz sagt. Start- und Zielgelände liegen auf dem BERNEXPO-Areal, die Strecke führt mitten durch die Altstadt, vorbei am Bärengraben und der Zytglogge, hinein in den Dählhölzliwald und ganz am Schluss der berüchtigte Aargauerstalden, von Einheimischen nicht ganz grundlos «Heartbreak Hill» genannt, der Athletinnen und Athleten jeweils den letzten Kilometer madig macht. Heiss ist es auch dieses Jahr wieder, fast eine Wiederholung des Vorjahres, das schon eine Bruthitze war. Kaum steckt man nach dem Start zwischen den Pflastersteinen der Altstadt, drückt die Hitze von unten hoch, während an den Fassaden entlang Zuschauerinnen und Zuschauer stehen, klatschen und rufen – die ganze Innenstadt wirkt wie ein einziges grosses Volksfest mit Laufschuhen. Gute Laune, keine Nervosität, eher Neugier, was der Tag heute bringt.



Die Abfahrt zum Bärengraben läuft gut an – auch wenn ich mich, wie eigentlich immer, bremsen muss. Schon im Training neige ich dazu, zu motiviert reinzugehen, und dann fehlt hinten raus die Power. Bei diesem Streckenprofil, mit dem giftigen Schlussanstieg, wäre das fatal. Mit Adrenalin und der Menge an Läuferinnen und Läufern um mich herum ist das leichter gesagt als getan. Was mir dieses Jahr besonders auffällt: Die schiere Menge an Menschen macht es überweite Strecken schlicht unmöglich, das eigene Tempo zu finden. Ein Muster, das mir in letzter Zeit bei mehreren Läufen auffällt – der Startblock schützt offenbar nur bedingt vor dem Gedränge.
Der Wiederanstieg durch die Altstadt bis zum Zeitglockenturm läuft okay, aber die Hitze drückt jetzt richtig. Erst im Dählhölzliwald wird es angenehmer – endlich Schatten, kühlere Luft zwischen den Bäumen, für ein paar Minuten spürbar weniger Betrieb auf der Strecke. Doch genau dort merke ich bereits, dass eine neue Bestzeit heute wohl nicht drinliegt.
Der Aargauerstalden
Den Aargauerstalden wollte ich dieses Mal endlich ohne Gehabschnitte bewältigen – ein Vorhaben, das mir an genau dieser Stelle bei den letzten beiden Ausgaben nie ganz gelingen wollte. Doch die Realität – und die Energie, die ich zu Beginn wohl etwas zu grosszügig verbraucht hatte – holt mich auch diesmal auf den letzten Metern ein. Keine Bestleistung, aber solide. Wichtiger war ohnehin etwas anderes: gesund ins Ziel zu kommen. Der IRONMAN 70.3 in Alghero wartet bereits und der hat für mich diese Saison einen ungleich höheren Stellenwert als der GP Bern.
Nach dem Zieleinlauf gibt es die redlich verdienten Churros, die Beine sind müde, kurz darauf sitzen wir schon wieder im Zug nach Hause. Eine neue Bestzeit gab es nicht, dafür aber genau das, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte: ein Rennen, bei dem ich für einmal nicht nur auf die Uhr, sondern auch auf die Stadt geschaut habe.